Kirche steht vor einer Epochenschwelle. Die Säkularisierung bedroht den Kern der Verkündung, das Geld wird weniger, Strukturen müssen sich ändern. Für Reinhard Bingener, politischer, auch kirchenpolitischer, Korrespondent der FAZ aber kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. „Jammern nützt nicht, es gilt, das Evangelium so prägnant wie möglich zu kommunizieren“, sagte er in seinem Vortrag im Rahmen der Sommerkirche Welt am 16. Juli 2018.

In vier Punkten zeichnete er ein Bild des Kirchenzustands: Finanzen, Strukturen, Image und Politik sowie Glaubensfragen. Die grundsätzliche These dabei: Kirche steht in Mitteleuropa vor einer Epochenschwelle. Die Volkskirche geht zu Ende. Sie ist Verlockungen der Selbstgerechtigkeit, Selbstvergessenheit und Trägheit gefolgt. Jetzt realisieren die Kirchenoberen, wenn auch sehr spät, die anstehenden Veränderungen.

„Es ist nichts falscher und schlimmer, als den Kopf in den Sand zu strecken und auf Selbstablenkung zu setzen“, sagt Bingener. „Stattdessen muss Kirche nach außen gehen, erlebbarer werden.“ Präsenz vor Ort ist entscheidend.

Das fängt bei den Finanzen an. Nach dem zweiten Weltkrieg sprudelten die Einnahmen in nie gekanntem Maß. Das verleitete und verleitet bis heute die Kirchenoberen, immer neue, parallele Strukturen zum Staat aufzusetzen. „Die Liste der in diesem Additionsprinzip entstandenen Einrichtungen ist lang und reicht vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, zahlreichen Akademien, einer Unzahl neuer Referate und Planstellen in den Kirchenämtern bis zu kirchlichen Männerarbeit, die immerhin die schöne Berufsbezeichnung eines Landesmännerpfarrers hervorbrachte“, so Bingener.

Bald allerdings gehen die Babyboomer, die letzte noch stark kirchlich geprägte Generation von Steuerzahlern, in den Ruhestand. „Damit wird ein Einbruch der Finanzen kommen“, sagt Bingener.

Das geht dann direkt an die Strukturfragen: „Es wird kein Weg an scharfen Einsparungen herumführen“, so Bingener. In der Nordkirche sei immerhin schon die Fusion der Mecklenburgischen und Pommerischen Landeskirchen mit der Nordelbischen Kirche umgesetzt, was der Not folgte und einen versuch darstellt, die Struktur der Kirche zukunftsfähig zu machen.

Interessant ist die sogenannte Kirchenmitgliedschaftsstudie. Sie zeigt, dass die absolute Kirchenspitze für die Menschen eine gewisse Rolle spielt. „Entscheidend aber ist die kirchliche Basis, die Pastoren“, so Bingener. „Die Wahrscheinlichkeit eines Kirchenaustritts sinkt gegen Null, wenn das Mitglied seinen Pfarrer mit Namen kennt oder ihn gesehen hat.“ Der gesamte Mittelbau der Kirche entwickelt keine Strahlkraft, bindet Menschen nicht an Kirche, egal wieviel Geld und auch gute Absichten hier hineinfließen.

Gute Absichten können aber schnell nach hinten losgehen: Image- und Politik-Fragen belasten die Kirche. „Oft wird gefragt, ob die Kirche eine Institution ist, die nur noch rot-grüne Gender- und Multi-Kulti-Ideologien vertritt“, so Bingener. Alleine die Frage zeige das Problem, auch wenn die Antwort natürlich kein einfaches Ja oder nein sein könne. Sicher sei aber: „Wer glaubt, auf der Welle des politischen Zeitgeistes zusätzliche Dividenden einstreichen zu können, der irrt“, so Bingener.

Stattdessen sei es entscheidend für die Zukunft, sich auf Glaubensfragen zu konzentrieren. „Die Kirche hängt vom Glauben ab. Säkularisierung ist ein nicht zu stoppender Megatrend. Jammern nützt aber nichts, es gilt sich auf Religion zu konzentrieren“, sagt Bingener. Das Evangelium so prägnant wie möglich zu kommunizieren ist die Kernaufgabe schlechthin. Nicht gangbar ist ein Weg: „Wenn Gott und Jesus niemanden mehr interessieren, kümmern wir uns eben ums Bienensterben.“

Was aber sind die konkreten Folgerungen? „Erlebbarkeit ist wichtig für Kirche. Es geht um ein Stück Eventisierung. Solange damit nicht Banalisierung gemeint ist, ist dagegen auch nichts einzuwenden. Mit den Kirchen, Ritualen, Liedern verfügt die Kirche über ein großes symbolisches Kapital. Es geht darum, dieses Erbe prägnant zur Geltung zu bringen“, sagt Bingener.

 

 

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